Während also bei den sog. gutartigen Erkrankungen wie Bluthochdruck das Problem der oft mangelden Adhärenz bereits lange bekannt ist, ist die Erkenntnis, dass es bei der Behandlung von Krebserkrankungen um nichts besser bestellt ist, erst einige Jahre alt. In der adjuvanten Krebstherapie – also der Behandlung der Erkrankung nach der operativen Entfernung des Tumors zur Senkung des Metastasenrisikos – werden Medikamente z. B. bei Brustkrebs oft über mehrere Jahre verordnet. Ziel ist es, das Risiko des Wiederauftretens des Krebses (Rezidiv) oder der Absiedelung von Tumorzellen (Metastasierung) zu senken und dadurch die langfristigen Heilungsaussichten zu verbessern. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es daher erforderlich, dass die Patientinnen ihre Medikamente auch tatsächlich regelmäßig und zuverlässig einnehmen. Eine schlechte Adhärenz oder Compliance in einer solchen Situation kann also direkt und innerhalb weniger Jahre die Überlebenschancen z. T. drastisch senken. Damit gehen aber auch die Fortschritte, die die moderne Krebsforschung in den letzten Jahren gemacht hat, wieder verloren.
Untersuchungen zeigen, dass auch Patientinnen nach einer Brustkreberkrankung, eine Erkrankung die sehr oft auftritt (ca. 5500-6000 neuerkrankte Frauen/Jahr in Österrreich), ihre Medikation nicht immer regelmäßig und über den gesamten vorgesehenen Zeitraum einnehmen. In einer aktuellen Auswertung wurden Daten von 12.000 Patientinnen aus drei amerikanischen Gesundheitsdatenbanken untersucht. Ungefähr eine von vier Frauen mit frühem Brustkrebs nimmt während des ersten Jahres der adjuvanten Therapie ihre Medikamente nicht wie verschrieben ein. Nach drei Jahren sind es bereits zwei von vier Frauen, die die Therapie nicht mehr fortsetzen. In den ersten vier Monaten ist der größte Anstieg an Non-Compliance-Fällen zu verzeichnen. Diese Zahl ist deswegen relevant, da eine suboptimale Therapie-Adhärenz den Nutzen der adjuvanten Therapie limitieren kann.
An Hand von eingelösten Rezepten wurde in einer weiteren Untersuchung zum Thema Adhärenz und zur Erhebung von Faktoren für eine Non-Adhärenz bei Frauen mit Brustkrebs im Frühstadium gezeigt, dass die durchschnittliche Therapie-Adhärenz nach den ersten zwolf Monaten bei 83% lag und in weiterer Folge jährlich zurückging. Im zweiten Jahr lag sie bei nur mehr 68%, im dritten war sie bereits auf 61% gesunken und im vierten Jahr lag die Compliance bei nur mehr 50%. Nach vier Jahren nahm also nur mehr jede zweite Patientin die für sie lebenswichtigen Medikamente. Am wenigsten adhärent waren junge Patientinnen. Als Gründe gaben die Patientinnen unerwünschte Wirkungen, aber auch mangelnde Überzeugung von der Notwendigkeit der Therapie an. Dabei ist einer schottischen Studie (McCowan) zufolge die Compliance gerade bei Brustkrebs für den Erfolg der Therapie wesentlich. Hier wurde erstmals wissenschaftlich korrekt gezeigt, dass die längere Einnahme tatsächlich direkt mit einem besseren Therapieergebnis und damit einer besseren Überlebenschance verbunden war.
Es zeigt sich, dass selbst bei lebensbedrohenden Erkrankungen wie Krebs die Motivation der Patienten zur Einhaltung der Therapietreue häufig fehlt. Mögliche Gründe dafür sind fehlendes Wissen in Hinblick auf das Rezidivrisiko, das Auftreten von unerwünschten Wirkungen und mangelndes Vertrauen in der Arzt-Patienten-Beziehung. Um den Ursachen für die mangelnde Therapietreue auf den Grund zu gehen und solide Daten zur Compliance zu erheben, wurden international große Studienprojekte, das deutsche PACT-Programm und die internationale CARIATIDE-Studie mit österreichischer Teilnahme gestartet.
Valide Daten zur Adhärenz/Therapietreue in der adjuvanten Aromatasehemmer-Therapie werden im Rahmen des 2006 in Deutschland gestarteten Patient’s Anastrozol Compliance to Therapy Programms (PACT) erhoben. Für die Studie wurden rund 4.700 Frauen nach dem Wechsel mit hormonempfindlichen Brustkrebs rekrutiert und adjuvant behandelt. Ziel ist, die Untersuchung von Ausmaß und Gründen der mangelnden Therapietreue an einhundert Prüfzentren in Deutschland.
Mit „CARIATIDE“ wurde nun ein weltweites Projekt ins Leben gerufen, das dazu beitragen soll, die Adhärenz von Brustkrebspatientinnen besser zu erforschen und zu optimieren. Das 2008 in 18 Ländern gestartete Projekt soll die Frage klären, ob Hilfsmittel wie Informationsmaterialien und regelmäßige, standardisierte Erinnerungswerkzeuge zu einer Verbesserung der Compliance beitragen. Patientinnen, die an CARIATIDE teilnehmen, erhalten unterstützendes Informationsmaterial, in dem die Bedeutung der regelmäßigen und langfristigen Einnahme der verordneten Medikation patientengerecht erklärt wird. Um die Notwendigkeit einer regelmäßigen Therapie immer wieder in Erinnerung zu rufen, werden im Rahmen dieses intensivierten Betreuungsprogramms innerhalb der ersten zehn Monate gleich neunmal spezielle Informationsmaterialen an die Patientinnen übermittelt. Im Rahmen dieser Beobachtungsstudie wurden über 2.600 postmenopausale Frauen mit frühem Brustkrebs rekrutiert. In Österreich nehmen etwa einhundert Frauen, die nach dem Wechsel an Brustkrebs erkrankt sind, an CARIATIDE teil. Diese Frauen werden im Rahmen von CARIATIDE zwei Jahre lang intensiv betreut. Zudem ist eine aktive Mitarbeit seitens der Patientinnen erforderlich, etwa durch das Ausfüllen von Fragebögen, die sich auf Lebensqualität und regelmäßige Einnahme der Medikation beziehen.
Man erkannte innerhalb der letzten fünf bis sechs Jahre das, bei anderen chronischen Erkrankungen bereits längst bekannte Problem der mangelnden Therapietreue mit folgender Verschlechterung der Prognose, nun auch als höchst aktuelles Thema in der Krebsbehandlung. Somit ist einerseits die Grundlage für ein weiteres, tieferes Erforschen der Ursachen und möglichen Gründe gegeben, andererseits können so auch Strategien entwickelt werden, die den Patienten helfen, z. T. auch aktiv ihre Prognose zu verbessern und damit die Überlebenschancen zu erhöhen. Es kann damit aber auch den rasanten Fortschritten der modernen Krebsforschung und den damit verbundenen Neuentwicklungen am Medikamentensektor besser Rechnung getragen werden, damit die hohen finanziellen Investitionen die die gesamte Gesellschaft der Krebsforschung widmet, den betroffenen und potentiellen Krebspatienten, also uns allen im Sinne einer verbesserten Heilungschance zu Gute kommen kann.